Ecco Le Marche

Alle Wege führen nach Rom, so haben wir es in der Schule gelernt. Von Rom aus gingen die Straßen sternförmig ab, um die römischen Provinzen zu erreichen. Richtung Norden war die wichtigste Straße die Via Flaminia. Sie wurde vom Zensor Gaius Flaminius im Jahre 220 vor Christus erbaut und führt von Rom durch Umbrien, das Apennin-Gebirge und endete schließlich in Fano an der Adriaküste.

Zunächst wurden die Straßen von den römischen Legionen genutzt, später machten auch Händler und Reisende dankbaren Gebrauch davon. Und das ist bis heute so.

Die Römer bauten ihre Straßen 4 bis 6 Meter breit, damit 2 Wagen nebeneinander passten. Zunächst wurde ein 1 Meter tiefer Graben gezogen, der dann mit Sand, kleinen Steinen und Kies verfüllt wurde und dann mit großen Pflastersteinen belegt wurde. Die Straßen wurden höher gelegt, so dass Regenwasser leicht zu den auf beiden Seiten ausgehobenen Gräben abfließen konnte. In Gebieten mit weichem, feuchtem Boden wurden die Straßen zusätzlich noch mit Holzpfosten verstärkt.

Nachfolgende Herrscher kümmerten sich um den Erhalt der Straßen, so ließ Kaiser Augustus alle Brücken wieder aufbauen und unter Kaiser Vespasian wurde in der “Gola del Furlo”, einer beeindruckenden Schlucht südlich von Urbino, ein neuer Tunnel gebaut.

Nach dem Untergang des römischen Reiches verschwanden viele der römischen Straßen, weil sie kaum noch unterhalten wurden. Aber während der Renaissance, vor allem aber unter der Herrschaft Napoleons, wurde in Europa wieder ein ähnlich gutes Straßennetz aufgebaut.

Blogger-Freundin Isabelle und ihr Mann Erik sind letzte Woche der Via Flaminia durch die Marken bis nach Fano gefolgt. Ihre erste Beobachtung: Der größte Teil der Trasse existiert noch, es ist die heutige alte Straße von Rom nach Fano. Hier ist Isabelles Bericht:

Wir starteten in Pontericcioli nahe der umbrischen Grenze, wo wir nach der römischen 3-Bogen-Brücke suchten. Mit Hilfe von Google Maps und einer mäßig guten Beschreibung, gelangten wir zu einem Parkplatz, von dem aus es nur wenige Fuß-Minuten bis zur römischen Brücke waren. Ein altes Schild besagte, dass dies auch Teil eines Radwanderweges nach Umbrien war.

Nächster Halt war im nahegelegenen Cantiano, einem kleinen malerischen Städtchen, das für seine Amarena-ähnlichen Wildkirschen, den Visciole, bekannt ist. Wir erkundeten das gemütliche Örtchen mit seinen zahlreichen Terrassen und Gässchen. Leider war das Museum in der Via Flaminia geschlossen, wie man leicht an den Spinnweben an der Tür erkennen konnte.

Wir verließen Cantiano in Richtung Cagli und nahmen auf halber Strecke die Ausfahrt Ponte Romano. Ein kluger Geschäftsmann betrieb hier einen Kiosk samt Picknickplatz. Isabelles Schwester war zufällig vor ein paar Tagen dort und schwört, sie habe dort die leckerste Piadina (dünner, gefüllter Brotfladen, typisch für die Adriaküste) aller Zeiten gegessen. Auch der Besitzer war äußerst freundlich und erzählte, den Kiosk habe er noch von seinen Eltern übernommen. Man könne hier auch im Fluss schwimmen.

Der Parkplatz war nur für Kunden der Bar gedacht, aber ein Stückchen weiter konnte man problemlos an der Straße parken. Zu unserer Überraschung war die Ponte Grosso noch immer in Betrieb und der Verkehr der heutigen Via Flaminia fuhr einfach darüber hinweg. Beeindruckend für eine Brücke, die bereits 2000 Jahre auf dem Zähler hat!

Danach fuhren wir durch Cagli, aber auch dort war das Flaminia-Museum geschlossen. Etwas außerhalb der Stadt, in Richtung Aqualagna, fanden wir die Ponte Mallio, ein weiteres Stück beeindruckender römischer Architektur, daß selbst so einige Erdbeben überlebt hat.

Dann führte uns die Via Flaminia zur Abtei San Vicenzo al Furlo. Hier waren wir vor 20 Jahren schon einmal, aber damals gab es noch keine Bar und keine Picknickplatz. Glücklicherweise hat die Abtei ihre Schönheit und Einfachheit bewahrt. Natürlich wurden für den Bau der Abtei Steine aus der Via Flaminia verwendet. Im 10. Jahrhundert im romanischen Stil gegründet, wurde sie nach ihrer Zerstörung im 13. Jahrhundert wieder aufgebaut. Auch San Romualdo, den einige von Euch aus unseren früheren Artikeln kennengelernt haben, lebte eine Zeitlang hier. Im Inneren führt eine Treppe zu dem Teil, in dem die Messe gelesen wird. Auch die Fresken aus dem 14. Jahrhundert sind gut erhalten.

Nun näherten wir uns dem spektakulärsten Teil der Via Flaminia: dem Tunnel an der Gola del Furlo oder der Schlucht zwischen dem Monte Pietralata (889 m) und dem Monte Paganuccio (976 m), die vom Fluss Candigliano geformt wurde. Hier kann man übrigens auch hervorragend wandern oder Kanu fahren.

Der Vespasian-Tunnel ist ein weiteres Beispiel für die geniale Baukunst der Römer: 38,30 Meter lang mit einer maximalen Breite von 5,47 Metern und einer Höhe von 5,95 Metern. Er ist vollständig mit Meißeln in den Fels gehauen. Dieses Loch im Berg, Forulum genannt, gab der Furloschlucht ihren Namen. Daneben befindet sich ein noch kleinerer Tunnel, der zunächst den Umbrern oder Etruskern zugeschrieben wurde. Allerdings sagt man heute, er stammt wahrscheinlich aus der Römerzeit vor Vespasian und war eine erste Notlösung, um die Straße befahrbar zu machen.

Wir fanden schnell einen Parkplatz, um den Tunnel zu Fuß zu erreichen und einen schönen Blick auf den Cantigliano-Fluss zu erhaschen. Danach fuhren wir durch den Tunnel hindurch und dachten uns: “Würde der Gotthardtunnel auch in 2000 Jahren noch in seiner ursprünglichen Form existieren?”

Die Via Flaminia führt uns weiter nach Fossombrone, das von Caius Sempronius Graccus, einem römischen Politiker aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, gegründet wurde und heute noch viele alte Säulengänge und Arkaden aufweist. Eine schöne Gelegenheit, durch die Stadt zu schlendern, die Atmosphäre zu spüren und … ein Eis zu essen!

Außerhalb von Fossombrone in Richtung Fano fanden wir einen archäologischen Park mit Überresten der ursprünglichen römischen Straße. Aber er war leider geschlossen. Zum Glück konnten wir auch von außen einen Blick erhaschen und einige Fotos machen.

In Fano kamen wir zum Schluss unserer Reise, denn hier endet die Via Flaminia. Fano ist eine Siedlung aus dem 1. Jahrhundert vor Christus, die um den Tempel der Göttin Fortuna gegründet wurde. Fortuna lieferte den Römern den Sieg gegen die Karthager bei der Schlacht von Metauro. Im Jahr 9 ließ Kaiser Augustus dort eine Stadtmauer errichten und nannte den Ort Colonia Julia Fanestris. Ein Tor und Teile dieser Stadtmauer sind heute noch vorhanden.

Vor einigen Jahren wurde in Fano in der alten Kirche San Michele das schöne Museum der Via Flaminia eröffnet. Es ist ein modernes Multimedia-Museum, das einen aktiv in die Geschichte dieser bemerkenswerten Straße entführt.

Übrigens ist Fano die älteste Karnevalsstadt Italiens, schaut Euch unseren Artikel dazu an!

Wir suchten vergeblich nach den römischen Legionen, die einst über die Via Flaminia marschiert sind, aber wir waren beeindruckt von ihren Straßenbaukenntnissen. Und das ganz ohne Computer!