Ecco Le Marche

Miesmuscheln heißen auf Italienisch „Cozze“. Was aber sind dann „Moscioli“, die man in den Marken, vor allem in der Gegend um Ancona, häufig auf den Speisekarten sieht? Moscioli sind eine lokale Miesmuschel Art, die nicht kultiviert wird, sondern wild an der Küste des Monte Conero lebt.

 

Sie schmecken ein wenig feiner und süßer als zum Beispiel die niederländischen und bretonischen Miesmuscheln, die ich kenne. Und da das Wasser an der Steilküste des Naturparks Monte Conero äußerst klar ist, sind die Moscioli von „Kategorie A“ Qualität.

Sandros Hütte

 

Wie aber werden sie geerntet? Am Freitag hatten wir die Gelegenheit, mehr darüber zu erfahren und zu er-schmecken: Die Organisation „Slow Food Ancona e Conero“ hat zusammen mit Fischern der Kooperative von Portonovo, einer wunderschönen Bucht am Monte Conero, ein Moscioli Festival ausgerichtet. Wir nahmen letzten Freitag an einer Veranstaltung in der Fischerhütte des über 80-jährigen Fischers Sandro Stecconi teil:

 

 

Die Hütte, eine der wenigen die es in der Bucht noch gibt, liegt fast im Wasser und Sandro erzählt uns, dass er sie in den 50ern mithilfe von Freunden selbst gebaut hat. Und dass es seitdem ein immerwährender Kampf mit den Naturgewalten ist, die Hütte zu erhalten und vor Sturm und Wellen zu schützen. Während wir uns in der Hütte umschauen, erzählt er über die Muschelfischerei:

Tauchanzug

Die Arbeit ist hart: Die Fischer tauchen von ihren Booten aus, aber sie haben keine Sauerstoffflaschen, sondern sie benutzen einen Schlauch, durch den sie mit dem Boot verbunden sind und durch den sie atmen. Mit einer Art Einkaufsnetz und einem selbstgebauten Rechen, den sie wie eine Prothese an den Arm schnallen, gehen oder tauchen sie entlang der Felsen der Steilküste und brechen die Moscioli heraus. Wenn das Netz voll ist, wird es mit einer Seilwinde an Bord geholt. Das Areal zieht sich circa 3 km den Monte Conero entlang. Pro Einsatz sind sie 5–6 Stunden unterwegs. Um 4 Uhr geht es los, sagt Sandro, das ist die Zeit, wenn die jungen Leute heutzutage aus der Disko kommen. Entsprechend schwierig ist es, Nachwuchs zu finden. Aber Sandros Sohn ist einer, der den Beruf weiterführen wird.

In den 70er Jahren, als die Fischerei boomte und jeder, der wollte, mit dem Boot hinausfahren durfte, um Moscioli zu ernten, gab es 70–80 solcher Muschelfischerboote in der Bucht. Heute sind es noch 5, denn die Bezahlung für die Moscioli ist niedrig und die Konkurrenz importierter Miesmuscheln (genannt „Cozze“) aus dem Ausland ist hoch.

Dann bekommen wir Moscioli serviert und Sandro verteilt die von seinem Sohn morgens erst geernteten, super frischen Mollusken an die Teilnehmer. Dazu gibt es Verdicchio aus Staffolo, vom Weingut Vignedileo. Lecker! Obschon sie nur im eigenen Sud in einem zerbeulten Topf auf einem alten Gaskocher gekocht sind, schmecken sie mir besser als alle Moscioli oder Miesmuscheln, die ich je hatte.

Prof. Giovagnoli und ein Fischer erzählen über die Muschelfischerei in Portonovo

Während wir uns Nachschlag holen, erzählt Marco Giovagnoli, Professor der Soziologie an der Università in Camerino und selbst in Ancona aufgewachsen, mehr über die Entwicklung der Fischerei und die Entwicklung der Bucht von Portonovo. Und ein anderer Fischer erzählt mehr Geschichten. Von dem Mal, als Prinz Charles in der Bucht weilte, oder als sie mit 250 Gramm die größte Muschel gefunden haben, oder wie sie sich nachts von ihren Feldern und den Pachtherren weggeschlichen haben, um nachts nach Muscheln zu tauchen. Und weil wir Gäste dabei hatten, die kein Italienisch sprachen, erklärte Diego von Slow Food nochmal auf Englisch. Der ganze Nachmittag war kurzweilig und als wir gesättigt und zufrieden gehen, klingen die Geschichten noch in unseren Köpfen nach.

Die Moscioli-Saison geht jedes Jahr vom 15. Mai bis Ende Oktober. Wer in dieser Zeit nach Portonovo kommt, kann die Moscioli in Restaurants genießen oder bei der Fischerkooperative neben dem Restaurant Emilia kaufen. Ich dagegen träume schon vom nächsten Jahr und dass es dann hoffentlich eine 4. Edition der Veranstaltungsreihe in Portonovo gibt.

 

 

Moscioli essen und Geschichten zuhören in der Fischerhütte – tolle Veranstaltung von Slow Food

 

Der Erhalt der Moscioli wird von der „Slow Food“ Organisation unterstützt. Moscioli gehören zu den „Presidi Slow Food“, den besonders schützenswerten Lebensmitteln weltweit. Hier ist die Internetseite über das Presidio Slow Food „Portonovo Wild Mussel“: link (Englisch und Italienisch). Eine deutsche Erklärung, was Presidi Slow Food generell sind, findet man hier: link