Ecco Le Marche

Was lag denn bei uns früher unter dem Weihnachtsbaum? Wir können jetzt in unserem Gedächtnis kramen und uns langsam erinnern. Eine viel schönere und spannendere Methode ist aber, ins Spielzeugmuseum in Piticchio zu gehen.

Das Museum ist noch nicht ganz fertig, aber es soll im Frühjahr 2020 offiziell eröffnet werden. Anlässlich des Herbstfestes des Ortes Piticchio (einem weiteren der 9 Kastelle von Arcevia) öffneten die Besitzer Antonia und Gianni schon einmal die Pforten für interessierte Besucher.

So fuhren wir, das heißt Isabelle und ihr Mann Erik, sowie mein Mann Otto und ich, zum Herbstfest und waren natürlich gespannt auf das Museum. Antonia empfing uns herzlich und führte uns durch die Puppensammlung. Ich muss sagen, ich bin in Sachen Puppensammlung etwas verwöhnt, denn meine Tante hat seinerzeit das hessische Puppenmuseum auf der Basis ihrer Privatsammlung begründet. Und vor der Museumsgründung feierten wir bei Familienfesten immer unter den Augen unzähliger historischer Puppen, die in Vitrinen in der ganzen Wohnung standen.

Aber auch bei Antonia und Gianni bekamen wir leuchtende Augen und große Ohren: Gianni, der schon als Kind anfing, Spielzeuge zu sammeln und zu tauschen, konnte zu allen Stücken seiner Sammlung etwas erzählen. Überall ratterten Eisenbahnen, kritisch beobachtet von einem pensionierten Raketentechniker aus Rom, der mit seinem Sohn gerade an der Elektronik herumbastelte.

Die Sammlung hat zwar auch ältere Exponate, der Schwerpunkt liegt aber auf der Zeit vom 19. Jahrhundert bis in die 70er Jahre. Da wir alle unsere Kindheit in den 60ern hatten, erkannten wir so vieles wieder und bei jeder Entdeckung wurden wir aufgeregter: da ein Malefizspiel, dort das Western-Fort, hier das Tipp-Kick-Spiel, dort die Carrera Bahn.

Gianni war Reporter für eine große Nachrichtenagentur und kam dadurch viel in der Welt herum. Seine Geschichten waren ebenso spannend wie die Spielzeuge selbst: Im Iran zu Zeiten der Revolution erlaubten ihm die Revolutionsgarden, Fotos des tausende Autos umfassenden, luxuriösen Fuhrparks des damaligen Schah Reza Pahlewi zu machen. Die alten Terrakottafiguren in seiner Sammlung stammen aus einer Ausgrabung im Iran, die er selbst journalistisch begleitet hat.

Besonders stolz war Gianni auf die Bauchrednerpuppe “Charlie McCarthy” aus dem Jahre 1938: Sie war das einzige Nicht-Lebewesen, das jemals einen Oskar gewonnen hat.

Und dann kamen wir zu den Modellautos: Gianni habe von allen Automarken ein Modell in seiner Sammlung, meist sogar die ersten Modelle. Und es sind wohl 1000, gut sichtbar in einem modernen Raum mit gläsernen Vitrinen. Vom ersten Mercedes Modell bis zu den VW Käfern aus meiner Jugendzeit – alles war da. Von seinen eigenen Autos hatte er eigene Modelle anfertigen lassen, so vom VW-Bus, mit dem er und seine Freunde etliche Male in Indien waren, oder vom Auto, mit dem sie zum Nordkap fuhren.

Die Modelle der Formel-1-Rennwagen waren noch uni und ohne Werbung. Jedes Land hatte seine eigene Farbe: Die französischen waren blau, die britischen grün, die belgischen gelb. Der deutsche Mercedes war silbern und das kam, weil der deutsche Rennwagen zu schwer für den Wettbewerb war, so dass die Konstrukteure kurzum die Farbe wegließen um Gewicht zu sparen. Daraus wurde dann der berühmte, unlackierte “Silberpfeil”.

Das Tschitti-tschitti-bäng-bäng Auto, von Bond Autor Ian Feming erfunden, gab es natürlich auch in der Sammlung. Es lehnte sich an die “Bootsform” Autos der 20er Jahre an, von denen einige zu sehen waren.

Die Miniatur-Boote der Sammlung waren ursprünglich im Krieg als Lehrmaterial für die Matrosen gedacht. Damit konnten sie lernen, die Formen von eigenen und feindlichen U-Booten und Kriegsschiffen zu unterscheiden. Nach dem Krieg wurden sie dann weiter als Spielzeug hergestellt, allerdings, um sie billiger zu machen, als Bausätze.

Gianni konnte stundenlang erzählen und wir wurden nicht müde, zuzuhören. So merkten wir gar nicht, dass wir 3 Stunden im Museum verbracht hatten.

Aber als die Führung zu Ende war, spürten wir doch, dass wir inzwischen Hunger bekommen hatten. Glücklicherweise fanden wir schnell einen Sitzplatz in einem der Gewölbekeller des Ortes, wo leckere Köstlichkeiten des Herbstfestes serviert wurden.

Natürlich habe ich Antonia und Gianni nachher den Internet-Link zum hessischen Puppenmuseum gesendet. Gianni schrieb mir zurück, wie spannend er das fand und schickte noch einen kurzen Gruß dazu: “Ich hoffe, Euch bald im Spielzeugmuseum wiederzusehen, um zusammen zu spielen und nie alt zu werden….”.