Ecco Le Marche

Die Eltern einer Freundin hatten lange Jahre ein italienisches Feinkost- und Delikatessengeschäft in der Nähe von Aachen. Einer der Lieblingsweine des Vaters meiner Freundin war der Verdicchio – ein unter Italienern sehr geschätzter Wein aus den Marken, auch wenn er im Ausland bislang weniger bekannt ist.

Inzwischen bin auch ich unter die Weißwein-Genießer gegangen und das schulde ich dem Verdicchio, der als Weißwein recht kräftig und aromatisch ist. Hier bei uns im Ort in Cupramontana gibt es alleine 10 Verdicchio-Winzer und Cupramontana nennt sich stolz „Capitale del Verdicchio“,  (Hauptstadt des Verdicchio), weil dieser Wein hier eine sehr lange Tradition hat.

Der Name Verdicchio, der erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt wurde, bezieht sich auf den Namen der Traube, aus dem man das Wort „verde“ (grün) heraushört. Die Traube ist tatsächlich ziemlich grün.

So wurden ihm vom Turiner Autor, Weinkritiker und Regisseur Mario Soldati folgende Zeilen gewidmet: „Verdicchio, verdicchio, klingt frisch, klingt lebhaft, klingt leicht, bescheiden, gefällig, jugendlich, anmutig, freundlich prickelnd, pflanzlich herb und angenehm, wie ein hellgrüner Zweig, knackig, knisternd.

Dabei ist die Traube ein wahres Wunder: Mit nur wenigen anderen Traubensorten gelingt es, sowohl Tafelwein als auch hochwertigen Wein herzustellen. Und wegen seines Säuregehaltes eignet er sich zudem sehr gut für die Sektherstellung. Wurde der Verdicchio-Sekt vor 100 Jahren noch durch Zugabe von Co2 Gas produziert, so wird er inzwischen mit der klassischen Methode, d. h. derselben Methode wie der Champagner in Frankreich, hergestellt. Dabei entsteht die Kohlensäure des Sektes nunmehr durch Fermentation – entweder in der Flaschengärung oder im Druckbehälter. Das Resultat sind Sekte von sehr hoher Qualität, die nicht selten prämiert werden.

Außerdem produzieren sie aus der Wundertraube auch noch einen Dessertwein: in dem Falle werden die Trauben sehr spät gelesen, getrocknet und dann sanft gepresst. Das Resultat ist nicht sehr süß, aber dennoch weich genug um zum Dessert kredenzt zu werden.

Aus den beim Pressen anfallenden Schalen wird schließlich noch ein sehr weicher Grappa hergestellt.

Der Verdicchio-Wein ist recht kräftig – erreicht er doch gerne 13 bis 14 % Alkoholgrad. Dadurch kann man ihn auch, anders als die meisten Weißweine, lange lagern. Den Verdicchio gibt es in den Marken als DOC (Qualitätsprodukt mit garantiertem Ursprung) in 2 Varianten: den Verdicchio di Castelli di Jesi, der Wein unserer Gegend. Und als Verdicchio di Matelica, der schwerer und mineralischer schmeckt, da sich die Weinberge dort ohne Einfluss des Meeres in den Hügeln um den Ort Matelica befinden.

 

 

Ende der 50er Jahre begann das Weingut Fazi Battaglia mit dem Export des Verdicchio. Dafür entwarfen sie eine eigene Flaschenform, die sich als Markenzeichen etablieren sollte, ähnlich wie die Korbflasche für den Chianti: die Amphorenform. Dazu wurde ein kleines Papier Röllchen mit der Geschichte des jeweiligen Weines am Flaschenhals befestigt. Später wollten sie das Papier Röllchen aus Produktionsgründen weglassen. Aber da protestierten die amerikanischen Weinhändler: sie verkauften die Amphoren mit der Assoziation der Schauspielerin Sophia Loren und das Papier Röllchen stellte ihr Halstuch dar, das man nicht so einfach weglassen konnte!

Hier in Cupramontana ist die Winzer-Szene sehr vielfältig und recht quirlig. Von der großen, ins Ausland exportierenden Produzenten-Kooperative bis hin zu jungen, engagierten Bio-Winzern. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Wein zu erleben:

MIG – Enothek in Cupramontana

Erstens natürlich die Besichtigung der Weingüter, die man direkt beim Winzer oder im Tourismusbüro vereinbaren kann. Wer sich einen Überblick verschaffen will, findet im MIG (Museum in der Grotte) eine Enothek, wo man unter fachkundiger Anleitung die verschiedenen Weine der Winzer probieren kann und dazu noch sehr nett im historischen Gemäuer des Sankt Katharinenklosters sitzt. Oder einmal bei einer Weinlese mitmachen, so wie mein Mann und ich das vor 3 Jahren gemacht haben: Nach der Arbeit im Weinberg gab es nachher ein nettes Essen mit allen im Grünen.

Wer sich allerdings um den ersten Oktober-Sonntag herum in der Nähe von Cupramontana aufhält, sollte keinesfalls das Weinfest, die Sagra dellUva verpassen. Siehe auch meinen Blog-Post dazu vom letzten Jahr. Die 5000-Seelen Gemeinde bietet dann 4 Tage lang ein Wahnsinns-Programm mit viel verschiedener Musik und leckerem authentischem Essen, das von den lokalen Vereinen angeboten wird. Und natürlich wird der Verdicchio-Wein in Strömen fließen….

Meiner Freundin, die inzwischen bei München lebt, bringe ich als Gastgeschenk immer gerne ein paar Flaschen Verdicchio mit, wenn wir bei ihr und ihrem Mann auf der Fahrt von oder nach Italien übernachten. Denn ich weiss, sie schätzt den Wein und wird sich darüber freuen …