Ecco Le Marche

Typisch für die Region Marken ist, dass hier noch viel altes Handwerk ausgeübt wird. Oft wird es allerdings nur noch von einzelnen Personen betrieben, sodass das Wissen zu versiegen droht, sobald keine Nachfolger mehr da sind.

Es ist jedes Mal schade, wenn solche Traditionen für immer verschwinden, dachte sich Federico Brocani, der Gründer des Marchecraft Vereins (übersetzt etwa Handwerk der Marken). Federico kommt aus Jesi und hat in Bologna Literatur und Philosophie studiert. Wegen seiner Leidenschaft für die marchigianischen Handwerkstraditionen hat er dann noch einen Abschluss in Marketing, Branding und Social Media gemacht. Ein Erasmus-Stipendium brachte ihn schließlich für 6 Monate nach Berlin, wo er außerdem Tourismus-Erfahrungen in einem Reisebüro gesammelt hat. Aber seine ursprüngliche Idee ließ ihn nicht los, alle noch in den Marken existierenden Handwerker zusammenzubringen, um sowohl Touristen als auch Einheimischen die Gelegenheit zu geben, die alten Traditionen neu zu erleben, und so erweckte er „Marchecraft“ ins Leben.

 

 

Federico Brocani

 

 

 

 

 

Mittlerweile arbeitet er mit etwa 30 Handwerkern zusammen, die interessierten Leuten Workshops anbieten, darunter Töpfern, Weben, Schuhmacherei und Musik-Instrumente-Bauen. Er sagt, der Anfang war nicht einfach. Aber er ist erstaunt, dass er immer wieder Berufe entdeckt, von denen er gar nicht wusste, dass sie überhaupt existieren. Zum Beispiel jemand, der noch wie im Mittelalter mit Feder und Tinte schreibt. Federico hofft, in der Zukunft noch mehr Handwerker für seine Projekte zu gewinnen, damit das Wissen um die alten Traditionen erhalten bleibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit-Bloggerin Isabelle hat zusammen mit Federico einen Ausflug gemacht, um das Konzept von Marchecraft zu erleben. Und sie sagt, anschaulicher hätte es nicht sein können, als Professor Alessandro Butta zu besuchen, der auf die traditionelle Herstellung von Naturfarben spezialisiert ist.

So erreichten sie an einem sonnigen Nachmittag das Örtchen Montefiore dellAso im Süden der Marken und besuchten das Agriturismo La Campana, wo sich das Atelier von Prof. Butta befindet. Schon die Hinfahrt führte sie durch eine fantastische Landschaft und endete in einem verzauberten Ort, einem wunderschön restaurierten Gebäude umgeben von Hügeln und atemberaubenden Panoramen. Isabelle hat direkt die Ruhe gespürt, die jeden hier umfängt, egal wie gestresst er ankommt.

Elisa, die Schwiegertochter des Professors, begrüßte sie herzlich und erzählte die besondere Geschichte dieses Agriturismo: 1980 beschlossen 20 Freunden aus Mailand, ihr Leben radikal zu ändern, um irgendwo in Italien neu zu beginnen. Sie landeten in den Marken an genau diesem magischen Ort, der damals allerdings noch aus vielen Ruinen, einem Haus und viel Land bestand. Langsam und mit viel Respekt vor den alten Gemäuern, restaurierten sie die Gebäude, deren Schönheit auch von den Unregelmäßigkeiten herrührt, die alte Gebäude so an sich haben, und die sie liebevoll erhalten haben.

Im Laufe der Jahre änderte sich die Zusammensetzung der Gruppe: manche Mitglieder gingen, neue kamen hinzu. Aber es blieben immer um die 20 Personen, von denen jeder sein eigenes Talent für den Agriturismo einsetzte.

Schließlich trafen Isabelle und Federico auf den Professor, einen sehr sympathischen Mann, der mit ihnen die Führung über das Gelände fortsetzte: Von seiner umfangreichen Kakteensammlung bis hin zu dem kleinen Laden, in dem die Produkte des Agriturismo verkauft werden: Marmelade, Obst und Kleidungsstücke, die mit eigenen Naturprodukten eingefärbt wurden.

Danach ging es ins Labor, das Isabelle an Labors von verrückten Professoren aus den Comics ihrer Jugend erinnerte:

Sofort fielen ihr die verschiedenfarbigen Wollfäden auf. Daneben eine alte, umgebaute Waschmaschine, weitere Töpfe und Pfannen auf einem Herd mit offener Flamme und Säcke voller Materialien. Dazu erzählte der Professor Geschichten und Anekdoten. Mensch, was konnte der erzählen, und was er alles wusste! Er beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit Naturfarben. Um mehr darüber zu erfahren, reiste er sogar um die Welt. Er ging in viele Bibliotheken und erforschte alte Dokumente und Bücher. Er gibt sogar Unterricht an der Akademie der bildenden Künste in Rom und seine Schüler kommen aus der ganzen Welt!
Bei der Restaurierung alter Gemälde oder Wandteppiche zum Beispiel musste zunächst erforscht werden, wie die Farbe entstanden war, um sie nachbilden zu können. Und das waren oft natürliche Farben aus tierischen Bestandteilen, Pflanzen oder Mineralien.


Wusstet Ihr, dass die Begriffe Royal, Garantie und St. Bernard Pass alle etwas mit der Farbe Blau zu tun haben? Fragt einfach den Professor!

Schließlich gab Prof. Butta Isabelle und Federico eine Demonstration der Färbetechnik und verwendete dabei die Wildpflanze isatis tinctora (deutscher Indigo), die er seit den 90er Jahren auf dem Anwesen kultiviert und die er als besonders geeignet für Blau hält.

In einer Pfanne mit grüner Flüssigkeit waren die Pflanzen gekocht und bereits entfernt worden. Jetzt wurde Ammoniak zugegebenfrüher verwendete man dafür Urin. Dann nahm der Professor eine handvoll weißen Staubs und streute ihn in die Flüssigkeit. Und der magische Prozess begann: Aus der Pfanne zog er ein grünes Tuch. Sollte das nicht blau werden?

Aber, Abrakadabra, durch den Kontakt mit der Luft wurde das Tuch innerhalb von 5 Minuten blau. Hier der magische Moment im Film festgehalten:

Neben dem Studium der Farbstoffe, beteiligte sich Professor Butta auch daran, die Tradition der Seidenproduktion in den Marken wieder zu fördern. Wir berichteten in einem früheren Artikel schon darüber. Beim Professor gab es deshalb die gelben Ascolan Seiden Kokons zu besichtigen, die resistenter gegen Krankheiten sind, als die billigeren weißen asiatischen Varianten. Und die winzigen Eier des Seidenschmetterlings würden noch monatelang ruhen, bis sie alle zur gleichen Zeit schlüpfen würden.

Dann verabschiedete sich der Professor, denn seine Enkel warteten mit dem Abendessen auf ihn und das war ihm heilig.

Nach einem kurzen Spaziergang auf dem Anwesen, haben Isabelle und Federico schließlich noch das zum Agriturismo gehörende Restaurant ausprobiert, das frische und hausgemachte Produkte feilbot.

Das Ganze in stimmungsvoller Beleuchtung, im Hintergrund leise Gitarrenklänge und Klaviermusik aus einem anderen Raum: Märchenhaft. Zum Glück, sagt Isabelle, lebt sie auch an einem schönen Ort, sonst hätte sie nie wieder gehen wollen!

Wenn Ihr auch einmal eine Werkstatt für natürliche Farbstoffe besuchen wollt oder ein anderes Handwerk erleben wollt: Besucht die Marchecraft-Webseite.